Aufbauend auf den Erkenntnissen früherer Campusplanungen verfügte unser Studio bereits über fundierte Erfahrungen hinsichtlich der Kriterien und Rahmenbedingungen, die für die Entwicklung eines lebendigen und gut funktionierenden Gebäudeensembles wesentlich sind.
Der Standort im Palotanegyed stellte aus denkmalpflegerischer Sicht zahlreiche Herausforderungen dar. Um den örtlichen Gegebenheiten gerecht zu werden, wurde das Bauvolumen an die bestehenden östlichen, nördlichen und westlichen Blockkanten angepasst. Das eklektische Stadtgefüge – geprägt durch geschlossene Blockstrukturen mit Innenhöfen – traf im Planungsgebiet artikulationslos auf die frei stehenden, von Gärten umgebenen Palastbauten mit ihrem „Château“-Charakter. Das architektonische Konzept zielte darauf ab, diesen Konflikt durch zwei grundlegende Prinzipien aufzulösen: Zum einen fügt sich der Baukörper entlang der Bródy Sándor utca, Szentkirályi utca und Múzeum utca in die traditionelle Pest-Blockstruktur ein und schließt diese städtebauliche Linie ab. Zum anderen war es wesentlich, sich vom Nationalmuseum möglichst weit zurückzunehmen, um die Sichtbarkeit der „Schmuckkästchen“-Paläste bestmöglich zu gewährleisten. Darüber hinaus sollte das historische System der Palastgärten neu interpretiert und als urbane Parks wiederbelebt werden – nicht als private Gärten, sondern als lebendige Stadträume, die zugleich die Außenräume der Universität erweitern und die Grenze zwischen Innen und Außen auflösen.
Zu den genannten Herausforderungen kamen verkehrliche Anforderungen hinzu, die ebenfalls berücksichtigt werden mussten.
Die Formgebung des Baukörpers strebt eine ikonische Erscheinung an, die zugleich in einen Dialog mit der historischen Umgebung tritt. Die primären Volumengliederungen greifen die Vertikalität der benachbarten Blockstrukturen auf und setzen den Rhythmus der Straßenfassaden fort, während sekundäre Elemente die Horizontalität der angrenzenden Trauflinien aufnehmen. Das Campusgebiet liegt im Schwerpunkt der fußläufigen Wegebeziehungen: Die nahegelegenen Haltestellen der inneren und äußeren Ringstraßen definieren eine Nord-Süd-Achse, die durch die Beziehung zwischen dem Bródy-Projekt und dem südlich gelegenen Nationalmuseum bzw. dem Pollack Mihály tér weiter gestärkt wird. Dementsprechend erhielt das Gebäude zwei Hauptzugänge: Der repräsentative nördliche Eingang öffnet sich zur Szentkirályi utca und zum bestehenden Universitätscampus, während der südliche Eingang über die Platzsituation zwischen den Palastbauten vom Pollack Mihály tér aus erreichbar ist.
An der Szentkirályi utca orientiert sich das Gebäude an der Hauptachsenkomposition des historischen Bródy-Gebäudes; Rhythmus und Maßstab der Straßenfassade folgen den benachbarten Häusern. Zur Múzeum utca hin ermöglicht die Rückstaffelung des Baukörpers die Neuinterpretation des Károlyi-Gartens. Dieser erneuerte Garten setzt sich im Inneren als „Orangery“ fort und dient ganzjährig als Ort des universitären Lebens. Die von Miklós Ybl entworfene charakteristische Brandwand erhält im Konzept neue Bedeutung: Die zurückgesetzten Gemeinschaftsräume des sogenannten „Wissenschaftsturms“ bewahren die architektonische Einheit und machen die historische Wand zugleich zum innenräumlichen Highlight.
Vom Pollack Mihály tér aus ermöglicht die Rücknahme des Neubaus eine freie Sicht auf die historischen Palastkompositionen. Die Nutzung der denkmalgeschützten Paläste folgt dem Grundsatz, ihnen ihrer Tradition angemessene Funktionen zuzuweisen: Der Eszterházy-Palast beherbergt die repräsentativen Räume der Universitätsverwaltung, während der kulturell eigenständiger nutzbare Károlyi-Palast die Universitätsbibliothek aufnehmen soll – mit Magazinflächen und Freihandbereichen im Untergeschoss sowie Lesesälen und Veranstaltungsräumen in den restaurierten Obergeschossen.
Ein wesentliches Element des Konzepts waren die verschiedenen HUBs, die eigenständig funktionieren und zugleich durch sogenannte „Lernlandschaften“ miteinander verbunden werden, um das Gemeinschaftsleben zu fördern.
Das funktionale System des Campus basiert auf drei Grundprinzipien:
- zeitgemäßes Lernerlebnis
- Gemeinschaftsbildung
- funktionale Übersichtlichkeit
Der gesamte Campus ist als „Lernraum“ konzipiert – alles dient dem Entdecken, Verstehen und Erfahren durch Studierende und Lehrende.
Die vier Gemeinschafts-HUBs (zentral, sozial, sportlich, kulturell) bilden das viergeteilte Herz des Campus: pulsierende Treffpunkte und Servicezentren, die verbinden, inspirieren und zu Austausch und gemeinsamer Aktivität anregen. Die Hauptfunktionen sind klar gegliedert, architektonisch präzise definiert und für alle Nutzergruppen leicht verständlich angeordnet.
Die Lehrbereiche sind um das zentrale Atrium organisiert und gegenüber dem bestehenden Universitätsgebäude angeordnet. Die Zentralverwaltung befindet sich im Eszterházy-Palast; der historische Marmorsaal dient als Ort für Veranstaltungen und akademische Feierlichkeiten. Die Bibliothek wird im restaurierten Károlyi-Palast untergebracht und um den imposanten, überdachten Innenhof als Lesesaal organisiert. Die Sporthalle liegt auf der Seite des Pollack Mihály tér und kann neben dem Sportunterricht auch als eigenständiger Veranstaltungsraum genutzt werden. Das Studentenwohnheim orientiert sich zur ruhigen Bródy Sándor utca; die begrünten Innenhöfe und Dachterrassen schaffen eine lebendige, freundliche Wohnatmosphäre. Die Spezialräume befinden sich im „Wissenschaftsturm“ an der Múzeum utca und sind über den neu interpretierten Károlyi-Garten mit dem Palast verbunden.
Insgesamt lässt sich festhalten, dass während der COVID-19-Pandemie zahlreiche neue Anforderungen entstanden, die das bisherige System der Hochschullehre und die Planungsmethodik – insbesondere in der internationalen Zusammenarbeit – grundlegend veränderten. Parallel dazu mussten weitere Herausforderungen bewältigt werden. Als Antwort darauf entwickelte unser Studio ein Gebäudeensemble aus sieben Baukörpern mit einer Gesamtfläche von 53.000 m², das Platz für 4.000 Universitätsangehörige bietet. Besondere Schwerpunkte lagen auf der Einrichtung von Laboren, IT- und technischen Forschungszentren sowie der Realisierung einer modernen multifunktionalen Sportanlage und eines spezialisierten Studentenwohnheims. Die gemeinsam erarbeitete Wettbewerbsarbeit wurde schließlich mit einem Ankauf ausgezeichnet.


